Nach dem ersten Werkstatttag im Jahr 2023 kamen die Teilnehmenden zusammen, um Erfahrungen auszutauschen, Herausforderungen zu benennen und konkrete Schritte für eine rassismuskritische Kirchenentwicklung zu diskutieren. Eingeladen hatten das Zentrum Oekumene der EKHN und der EKKW, das Zentrum Bildung und Gesellschaft der EKHN, die Evangelischen Studierendengemeinden (ESG) Frankfurt, die Evangelische Indonesische Kristusgemeinde Rhein-Main, die Diakonie Hessen, das Forum Bildung und Gesellschaft der EKKW sowie die Akademie Himmelsfels.
Zu den Mitwirkenden gehörten die Kirchenpräsidentin der EKHN, Prof. Dr. Christiane Tietz, die Bischöfin der EKKW, Dr. Beate Hofmann, die Bildungsreferentin für Rassismus und Kirche der Vereinten Evangelischen Mission (VEM), Sarah Vecera, sowie der Marburger Theologiestudent Mawuli Assimadi.
Bereits in ihrer Andacht machte Bischöfin Beate Hofmann deutlich, dass christlicher Glaube und rassistische Ideologien unvereinbar sind. Anhand der historischen sogenannten „Sklavenbibel“ zeigte sie auf, wie versucht wurde, die biblische Botschaft für rassistische Herrschaftssysteme zu instrumentalisieren. Zugleich betonte sie die befreiende Kraft der biblischen Tradition und den Auftrag der Kirche, Diskriminierung aktiv entgegenzutreten.
Im Verlauf des Tages standen Vorträge, Gesprächsformate und ein Open Space auf dem Programm. Dabei ging es um die Frage, wie rassistische Denk- und Handlungsmuster erkannt werden können und welche Auswirkungen Rassismus auf kirchliche Leitungsstrukturen, Gremien und Organisationskulturen hat.
Mawuli Assimadi betonte die Bedeutung geschützter und zugleich herausfordernder Gesprächsräume:
„Kirche braucht Safer Spaces, in denen Menschen geschützt sprechen können – und mutige Räume, in denen wir die Reproduktion rassistischer Denk- und Handlungsmuster ehrlich reflektieren und bearbeiten. Räume, in denen Angst und Scham nicht blockieren und gegen kritische Rückmeldungen immunisieren, sondern vielmehr den Weg zu echter Selbstkritik und Reflexion eröffnen.“
Sarah Vecera richtete den Blick auf strukturelle Veränderungen innerhalb kirchlicher Organisationen:
„Es ist an der Zeit, die kirchliche Schuldlogik hinter uns zu lassen, denn sie führt nur dazu, dass alles bleibt wie es ist. Wenn wir das System wirklich berühren wollen, müssen wir Verantwortung übernehmen: mutig, ehrlich und ernsthaft fragen, wessen Perspektive zählt – wer die Tagesordnung setzt, wer Stimmrecht hat und wer nur Gaststatus. Wessen Erfahrung als Fakt gilt und wessen als Empfindlichkeit. Wer predigt und wer das Gemeindehaus putzt. Echte Veränderung entsteht erst dort, wo wir strukturelle Augenhöhe schaffen und Kirche gemeinsam gestalten.“
Auch die beiden Kirchenleitenden unterstrichen die Notwendigkeit, rassismuskritische Prozesse weiter voranzutreiben. Kirchenpräsidentin Prof. Dr. Christiane Tietz erklärte:
„Rassismus begegnet uns am augenfälligsten im konkreten Verhalten von Menschen. Aber er wirkt auch im Verborgenen - dort, wo geschwiegen und weggesehen wird, wenn Menschen von Rassismus betroffen sind. Und er wirkt tief in Strukturen - dort, wo Ausgrenzung begünstigt oder fortgeschrieben wird. Als Kirche sind wir überzeugt davon, dass jeder Mensch Gottes Ebenbild ist. Dieser Glaube verpflichtet uns, auch bei uns selbst genau hinzusehen. Wir wollen als evangelische Kirche deshalb rassistisches Handeln und Nicht-Handeln noch klarer benennen, diskriminierende Strukturen noch besser erkennen und sie noch konsequenter überwinden als bisher.“
Bischöfin Dr. Beate Hofmann hob hervor, dass Veränderungsprozesse Räume benötigen, in denen unterschiedliche Erfahrungen und Perspektiven zur Sprache kommen können:
„Wir haben bislang viel über das Konzept der safer spaces in der Kirche gesprochen. Heute nehme ich mit, dass es genauso braver spaces braucht, in denen wechselseitige Irritationen stattfinden dürfen.“
Während des Open Space am Nachmittag entwickelten die Teilnehmenden eigene Themen und Handlungsperspektiven für eine rassismuskritische Kirchenentwicklung. Dabei wurde deutlich, dass Antirassismusarbeit dauerhaft in kirchlichen Strukturen verankert werden muss und nicht allein vom Engagement einzelner Personen abhängen darf.
Diskutiert wurden unter anderem Möglichkeiten, Sensibilisierung und Fortbildung auszubauen, Diskriminierungserfahrungen sichtbarer zu machen und diversere Beteiligungs- und Leitungsstrukturen zu schaffen. Mehrfach wurde die Forderung formuliert, Verantwortung für Antirassismus verbindlich in kirchlichen Gremien und Einrichtungen zu verankern. Auch die Verbindung von Antirassismus und anderen Diskriminierungsformen, etwa Queerfeindlichkeit, spielte eine wichtige Rolle. Die Teilnehmenden sprachen sich dafür aus, dass Kirche öffentlich und unmissverständlich für Menschenwürde, Vielfalt und gegen jede Form von Ausgrenzung eintritt.
In der abschließenden Resonanz der Kirchenleitungen griffen Bischöfin Beate Hofmann und Kirchenpräsidentin Christiane Tietz zentrale Anliegen des Tages auf und würdigten das Engagement der Teilnehmenden. Der Werkstatttag machte deutlich, dass die Auseinandersetzung mit Rassismus keine zeitlich begrenzte Initiative, sondern eine dauerhafte Aufgabe für Kirche und Diakonie ist.